Sommer, zu früh

Da hat sich etwas eingeschlichen in die Zusammenhänge und die Tagesabläufe sind ein unkoordiniertes Durcheinander von Vogelstimmen in einem Wald. Vielleicht sind es die Gedanken auch. Alles unpräzise, alles verwaschen, alles verhallt, zu leise, zu laut oder umzäunt. Nein, Zäune sind es nicht, eher unsichtbare Mauern, gegen die ich laufe. Über einen Zaun könnte ich mühelos klettern, egal ob mit aufgeschürften Händen im Endergebnis, aber ich wäre drüben. Was ist diese andere Seite? Dieses gerade Leben, in dem man immerhin die Vogelstimmen besser voneinander unterscheiden könnte.

Ständig gehe ich irgendwohin und bleibe dann allein an einer Rolltreppe oder einem U-Bahn-Eingang stehen. Fremde Menschen träumen sich mit mir gemeinsam in Chaträumen ihre Zukunft zusammen. Wir überkleben unser tristes Dasein und verpassen währenddessen den Sommer. Wobei der Sommer noch gar nicht da ist, es sind nur die Temperaturen, die uns glauben lassen, es wäre Juli. Und das im Mai.

Meine Mutter möchte die schönen Möbel, welche seit Jahren im Keller vor sich hin stauben, wegwerfen, droht sie. Was sie damit meint, ist, dass ich sie anscheinend doch nicht brauchen werde. Mutter, nein. Ich werde diese Möbel noch genauso brauchen, wie die Hosen in Größe 38, von denen ich noch zwei aufbewahrt habe. Zumindest soll sie den Tisch nicht wegwerfen, eher gebe ich noch die Hosen in die Altkleidersammlung.

Es ist die Gleichgültigkeit, sagte er und die ist am schlimmsten, stimmte ich zu.

Zeitschachteln

Ich erinnere mich noch gut an den verregneten Tag, als ich Joop las und neben mir ein schlafender Körper lag. Es war ein Sommer, der unscheinbar daher kam. Anmutige 27 Jahre stürmten über viele Tränen und Schüchternheiten, so als gäbe es meinen Namen nicht. Da passierte mehr, als dass mir die Fahrradkette auf der Bornholmer im Regen riss und ich die Bornholmer ein Jahr später mit einem Knie überquerte, welches selbst gestandene Ärzte der Berliner Eisbären nicht wagten anzufassen. Könnte ja schief gehen. Ich erzähle schon wieder von dem dämlichen Knie.

Den Joop-Moment aber könnte ich neben den Sommer 2017 legen. Ich müsste ihn ausschneiden, sichelförmig, damit er zu 2017 passt. 2017 wäre der Vollmond und das Joop-Jahr ein Sichelmond. Man könnte auch alles übereinanderstapeln, kleine Rechtecke mit Sätzen und Gedanken zu Häusern verkleben, Wohnungen damit tapezieren, gegenüberliegende Häuserwände damit anstrahlen, aber es sind zwei Momente, die zueinander passen.

Antworten habe ich nicht gesucht, nur ein wenig Nähe und Vertrauen, wo man es niemals erwarten würde.

Pete

Pete war ein Streuner, ein Herumtreiber der funkelsten Sorte. In seinen Hochzeiten saß er mit Freunden am Marktplatz um einen umgekippten Einkaufswagen unter dem ein Feuer loderte und darüber wurden Stadttauben gebraten. Kranke, halbblinde Stadttauben. Pete aß die kleinen Fleischteilchen mit Genuss, wischte sich die Finger an den Hosenbeinen ab, nahm einen Schluck Bier und lachte über einen halb schon verwehten Scherz. Das Echo seines Lachens verhallte am Eingang zu einem Juweliergeschäft. Niemand wurde krank von den Tauben. Am nächsten Morgen sah die Stadt nur einen verkohlten Einkaufswagen und keiner ahnte, was in der Nacht zuvor geschehen war. Pete wusste sich zu verteidigen, kannte die wichtigsten Griffe sämtlicher Kampfsportarten und zwei, drei Möglichkeiten, einen Menschen ohne großen Aufhebens umzubringen. Dazu kam es aber selten, außer im Haus in der Wachower drei gab es mal wieder Streit, wer wem das Geld oder das Pep geklaut hatte.

Pete begann für ein paar Musikmagazine zu schreiben. Es gab lobende Worte aus der Redaktion und von Freunden. Sein Wortschatz war ein Ungetüm aus tausenden von Romanen, die er seit der Kindheit verschlungen hatte. Die Worte entsprachen nicht immer seinen aktuellen Gefühlen, aber sie fügten sich gut zueinander. Wenn er nervös wurde, zählte er seine Finger, die Straßenlaternen oder die vorüberziehenden Autos. Bei acht hörte er immer auf und begann wieder von vorn. Der Tick ließ mit den Jahren nach, aber er ging nie ganz weg.

Marie war seine große Jugendliebe gewesen und dann gab es diesen Punkt, wo sich nichts mehr umkehren ließ, er vor dem Haus ihres Vaters stand und die zwei, drei Möglichkeiten des Tötens noch Fantasie waren, aber der Wille es zu tun beinah unumkehrbar war. Griffe, die man sich in Fernsehkrimis abschaut, da ist noch nichts Reales in der Welt. Wut aus Romanen abgeschaut, da ist noch nichts Reales in der Welt. Es sein lassen war dann die erste Realität. Die Wut ließ niemals nach, die Griffe wurden eingeübt, jederzeit anwendbar, aber die Gelegenheiten, einen Vater aus der Welt zu schaffen wurden selten.

Pete wirst du in jeder größeren Stadt finden. Er studiert noch oder hat inzwischen fertig studiert. Er ist Journalist, Wissenschaftler oder arbeitet in einem Startup. Pete könnte verheiratet sein, aber vermutlich hat er eher eine Lebensgefährtin oder er ist Single, einsamer Wolf oder gut vernetzt, trifft pausenlos Frauen samt ihrer abwesenden Väter, die er niemals wird umbringen können.

Noch nicht ganz

Anscheinend ziehen mich neuerdings die kalten Phasen des Jahres an, ansonsten hätte ich die letzten Tage mit jeder Stunde abgebaut, stattdessen bin ich hochaktiv, aber auch immens verwirrt. Ich habe Zeit meinen Gefühlen nachzugehen, was von außen betrachtet wie ein Luxus scheinen mag, aber in Wahrheit furchtbar nervig ist. Jeder normale Mensch mit einer Aufgabe vergräbt alles tief im Erdreich und hin und wieder sprießen neue Blumen oder ein paar Maulwürfe haben ein kompliziertes Tunnelsystem um einen fast schon toten Baum gegraben. Ich bin lebendig, sagt mir mein rosa Gesicht nach dem Sport, auch wenn ich neulich wie tot an dem Esstisch meiner Eltern saß und kaum ein Wort herausbrachte. Zusammensacken bei den Eltern kenne ich, müde bei den Eltern sein, kenne ich, aber unfähig auch nur zu sprechen, war neu. Beängstigend. Danach war wieder alles gut. Rosa Gesicht, wie mit Anfang 30. Ich werde als Teenager sterben, verheult sind nur die billigen Kontaktlinsen und der Champagner von letzter Nacht.

Blumen

Es ist wieder etwas kühler geworden, dafür scheint die Sonne und die Menschen verlassen ihre Wohnungen etwas schwungvoller als noch vor ein paar Tagen. Während meines Erledigungsrundganges komme ich am Blumenladen vorbei. Es gibt die ersten Osterglocken, als Schnittblumen oder im Topf. Ich überlege, ob der Blumenladen einen Namen hat, so wie ein Frisörladen oder ein Restaurant. Über dem Ladeneingang prangt nur eine Leuchtreklame mit dem eindeutigen Wort „Blumen“ und nachts erhellt sie mit ihrem DDR-Look die Kreuzung, verwandelt bei halb zugekniffenen Augen den Ort in ein Filmset einer Serie, die in den 80er Jahren der DDR spielt. „Blumen“ also. Google verrät, dass der Laden tatsächlich nur „Blumen“ heißt, während andere Floristen ihren Läden durchaus ähnlich charmante Namen geben, wie es zuweilen Frisöre tun. Mein Rundgang führt mich noch zu meinem Lieblingsspätverkauf über dessen Eingang in modernen Lettern „Lebensmittel“ steht. Das ist meine Hood – Blumen, Lebensmittel und Briefmarken (na gut, inzwischen Briefmarkenweine). Als ich vor über zehn Jahren hierher gezogen bin, hatte ich das Gefühl, in einem fremden Kosmos voller glänzender Fassaden angekommen zu sein. Nur flüchtig erinnerte mich einiges davon an „früher“, die Fleischereien zum Beispiel, bei denen wir in den 80ern manchmal halt gemacht haben und die es genauso immer noch gibt. Inzwischen hat sich über das unvertraute Gefühl wieder ein vertrautes Ost-Gefühl gelegt. Die alten Leute in meinen Haus, die Ärzte, die ich aufsuche, die „jungen“ Ost-Berlinerinnen, die ich hier kennengelernt habe, haben diesen Lebensabschnitt mitgeprägt und mir ein neues Heimatgefühl vermittelt, welches mir zum einen vertraut und zum anderen neu ist. Vielleicht bin ich aber auch erst die letzten zehn Jahre richtig Berlinerin geworden.

Der Februar ist immer gut getaktet mit allerlei Familienfeiern und Verabredungen hier und da. Ob ich älter geworden bin? Klar, wer nicht … Ich habe eine eigenartige Phase hinter mir, die nun, wie es mir scheint, ihr Ende genommen hat. Der Satz oder Gedanke bringt mich zum Lachen. Welche Phase in meinem Leben war denn bitte nicht eigenartig? Ich möchte den Phasen lieber Tiernamen geben, vorangestellt eine Farbe. Dann könnte man das Leben in die „blaue Eichhörnchenphase“, die „silberne Mausphase“ oder den „grünen Leoparden“ unterteilen und könnte später mit einer Therapeutin darüber diskutieren, ob es wiederkehrende Muster in der Eichhörnchenphase und in der Mausphase gab.

Ich finde es noch zu früh für Narzissen, aber das war auch schon letztes Jahr so.