Das tote Schaf

Die Dörflichkeit und auch die Nähe zu den Dörfern blieb Marzahn immer erhalten. Zwischen den aufgerichteten Punkthäusern im Meer der Rondelle sind immer wieder vereinzelt Siedlungen mit Einfamilienhäusern zu finden. In den Siedlungen gab und gibt es auch Geschäfte, Eisläden und natürlich waren wir später auch auf wilden Poolpartys. Es lag alles um die Ecke, man musste nur die richtigen Verbindungen haben und wissen, wann wer feiert.

Mit der K. bin ich oft rausgelaufen aus der Stadt. Wir rannten über Felder, Schuttberge und Gehwege, um etwas anderes als den Beton zu sehen. Wir waren die zwei schnellsten Läuferinnen der Schule und ihren Freund himmelte ich seit der zweiten Klasse an. Dass ich mit ihm später tatsächlich eine kurze Episode haben würde, war für mich zu diesem Zeitpunkt noch undenkbar. Einmal erreichten wir auf einem Feld eine winzige Baumgruppe. Im Hohlraum des einen Baumes hing ein Skelett, um das Fliegen herumschwirrten. Wir trauten uns kaum heran. Handys gab es noch keine, geschweige denn Smartphones. Also liefen wir schreiend und von Angst gepeinigt nach Hause. Wir waren uns nämlich sicher, ein menschliches Skelett in der Baumhöhle gefunden zu haben.

Wir studierten tagelang die Anatomie des menschlichen Körpers, drucksten vor unseren Eltern herum, warum wir das taten, bis wir unseren Fund gestanden. K.’s Vater meinte, es sei bestimmt ein Tier. Also studierten wir nächtelang die Anatomien von Schafen, Schweinen und Wildtieren. Das Bild des von Fliegen umschwirrten Skeletts hatte sich in unser Gehirn eingebrannt. Aber es war nicht genug. K. lieh sich den Fotoapparat ihres Vaters und wir liefen erneut aus der Stadt bis zu der unseeligen Baumgruppe. Das Skelett war verschwunden, dafür hingen zwischen den Ästen zwei Schafsköpfe. Gestählt durch unsere neu erworbenen Anatomiekenntnisse trauten wir uns näher heran und knipsten die blutigen Schafsköpfe wie Archäologen den Fund von extrem alten Hominiden. Wir hatten etwas unglaubliches und vor allem widersprüchliches entdeckt.

Das Skelett hatten „sie“ weggeschafft und später hatten „sie“ die Köpfe der getöteten Schafe aufgehängt, so viel war klar. Aber warum? Wir liefen an den mannshoch ummauerten Häusern am Rande von Hönow vorbei und malten uns allerlei aus. Die Schafsmörder und ihre Kulte saßen hinter den Mauern.

Die Wilde 13

Bevor ich eingeschult wurde, zogen wir innerhalb von Marzahn noch einmal um. Wir tauschten den alles überschauenden Blick aus der vierzehnten Etage eines Punkthauses gegen einen sogenannten Elfgeschosser und wohnten von nun ab in der siebten Etage. Um uns herum wurde immer noch viel gebaut, unfertige Häuser stießen auf Kräne, die den Blick himmelwärts zogen. Wir Kinder im Vorschulalter und in den Sommerferien fanden uns ohne große Worte zusammen. Unsere Spiele waren, wer als erstes die Mitte der Pfütze erreichte oder auf den Baum an einem nahe gelegenen Tümpel klettern konnte. Mein Ehrgeiz war unermesslich und deswegen waren die obligatorischen Gummistiefel ständig voller Wasser, die Ellenbogen zerschürft. Wir rannten umher und vor Bauarbeitern davon. Ich merkte mir die Namen der Kinder, auch wenn ich sie nach dem Sommer wieder vergessen haben würde und in der Nummer dreizehn einer Seitenstraße gab es unter dem Treppenzugang ein Geheimversteck, das wir „Wilde 13“ nannten. Der Hohlraum war noch nicht fertig zugemauert und hier ersannen wir die nächsten Pläne, unsere nächsten Spiele.

Meine Eltern waren schon oft umgezogen, aber jeder Umzug bedeutete für sie immer noch Höllenqualen und immensen Stress. Was musste man nicht alles beachten und was konnte nicht alles schief gehen. Pflichtbewusst, wie ich damals schon war, wollte ich helfen und trug einen Meißner Porzellanteller in die Wohnung. Den konnte ich immerhin gut greifen. Mein Vater war entsetzt und nahm mir den Teller aus der Hand und schalt mich, setzte mich etwas unsanft auf den Boden und meinte, das solle ich nie wieder tun. Ich merkte mir diesen Moment, weil ich instinktiv wusste, dass die Reaktion meines Vaters überzogen war. Der arme Porzellanteller, wäre er mir doch wenigstens aus der Hand gefallen. So hing er nur die nächsten Jahre an einer Wand und jedes Mal, wenn ich ihn betrachtete, dachte ich an diesen Moment. In meiner Pubertät hing er immer noch da und überlebte wildeste Partys. Die Reaktionen meines Vaters waren inzwischen milder geworden, aber das hatte alles nichts mit mir zu tun.

Es dauerte einige Zeit, bis ich mich zwischen all dem Beton auskannte. Später malte man Blumen auf die Hauseingänge, damit die nachwachsenden Kinder sich in dieser seriellen Bauweise zurecht fanden. Vor den Häusern standen winzige Setzlinge, die einmal Bäume werden würden. Der Baum am Tümpel wurde zu einem Naturschutzgebiet erklärt. Wir Kinder waren uns einig, dass sie das nur getan hatten, damit wir da nicht mehr herauf kletterten. Der schönste Sommer aller Zeiten zog sich in die Länge und die Wohnung nahm allmählich Gestalt an. Es kamen neue Möbel dazu und der Stress wich einem Angekommensein, einer Gelassenheit. Wir fingen wieder an zu wohnen, die neue Wohnung als natürlichen Lebensraum zu betrachten und mein Bruder würde bald wieder ausziehen und auf ein Internat gehen.

Swimmingpool

Es gibt wenige Sehnsuchtsorte, die weltweit im kollektiven Gedächtnis verankert sind und sich vor allem aus Erinnerungen an die eigene Jugend zusammensetzen. Die erste Liebe, der erste Kuss, Schwimmbadpommes und viel nackte Haut. Bei Swimmingpool denke ich eher an Charlotte Rampling, als an Romy Schneider. Ich sehe Bilder von Stephen Shore vor mir und mir kommt „Little Children“ in den Sinn. Die letzten Tage im Juni 1990 in Addis Abeba haben wir in einem Schwimmbad verbracht, bevor wir in das leere Ost-Berlin zurückkehrten und uns an die neue Zeit gewöhnten.

Das Schauspiel Leipzig nahm am diesjährigen Theatertreffen mit 89/90 teil, einer Bühnenfassung von Peter Richters gleichnamigen Roman. Die Jugendlichen sind zur Wendezeit etwas älter, als ich es war, aber ihre Geschichten sind mir durchaus vertraut. Im Sommer 1989 treffen sie sich häufig nachts in einem Schwimmbad und ziehen ihre Bahnen, rauchen und reden. Diese unwirkliche Atmosphäre des nächtlichen Schwimmens wird tagsüber unterbrochen vom sich auflösenden DDR-Alltag, großartig mit einem Chor umgesetzt, der die Schauspieler durch ihre nervenzerfetzenden Dialoge und Monologe begleitet. Was hat jetzt noch Bestand, wohin geht die Reise und wer sind jetzt die Feinde? In diesem Durcheinander war Helmut Kohl tatsächlich nicht mehr als eine flüchtige Figur, die kurz über den Massen schwebte und dann verschwand. Geblieben waren der Konsum und eine unaufgearbeitete Jugend mit militärischem Drill.

Meine dritte und damit letzte Inszenierung des Theatertreffens, welche ich besucht habe, war „Pfusch“ von Herbert Fritsch. Hier öffnet sich nach dem Baden im Schwimmbad nicht der eiserne Vorhang, sondern er schließt sich. Der Sehnsuchtsort, die große Spielwiese, der Sommer – sie alle sind vorbei und das anfänglich rastlose Hämmern auf alten Klavieren verklingt. „Schön“ war es gewesen, beteuern die Schauspieler und ich verbleibe etwas ratlos zurück. Die Volksbühne ist durchgespielt und für manchen mag es ein endloser Sommer gewesen sein. Aber auch der geht vorbei.

Everyone’s gonna get high

Den Mai habe ich mir auserkoren für Theaterbesuche und solcher gleichen. Gemeinhin bringt er ja neues, der Mai. Er begann mit der letzten Aufführung von „Kill you darlings“ von René Pollesch, der Absage an lose Netzwerke und Scheinhuberei. Melancholisch stimmte mich vor allem die Tatsache, mit was für einem Optimismus das fünf Jahre alte Stück angetreten war und wo sich die Welt inzwischen befindet. Fern von großen linken Ideen und man hofft wieder nur, nicht die ganz große Scheiße am Hacken zu haben.

Das Schauspiel Dortmund ging mit dem gleichen Anspruch an die großen Fragen der Zeit mit der „Borderline Prozession“ und scheiterte. Nicht unbedingt an der Aufmachung, die war sicherlich grandios. Aber es gab außer diffuser Gefühligkeit und allzu bekannten Zitaten keine Neuigkeiten. Schauspieler sollten nicht nur Staffage sein und mit dem Publikum interagieren. Das habe ich ein wenig vermisst an diesem Abend, der mit einem grandiosen Vollmond über der Spree in Schöneweide aufwartete.

Alle Tage lang

Alle Bücher beisammen, die ich brauche für diesen Sommer.
Alle Kleidung beisammen, die ich diesen Sommer tragen werde.
Alle Liebe beisammen, die es diesen Sommer zu verteilen gilt.

Alle Jahre lang.