Zeitschachteln

Ich erinnere mich noch gut an den verregneten Tag, als ich Joop las und neben mir ein schlafender Körper lag. Es war ein Sommer, der unscheinbar daher kam. Anmutige 27 Jahre stürmten über viele Tränen und Schüchternheiten, so als gäbe es meinen Namen nicht. Da passierte mehr, als dass mir die Fahrradkette auf der Bornholmer im Regen riss und ich die Bornholmer ein Jahr später mit einem Knie überquerte, welches selbst gestandene Ärzte der Berliner Eisbären nicht wagten anzufassen. Könnte ja schief gehen. Ich erzähle schon wieder von dem dämlichen Knie.

Den Joop-Moment aber könnte ich neben den Sommer 2017 legen. Ich müsste ihn ausschneiden, sichelförmig, damit er zu 2017 passt. 2017 wäre der Vollmond und das Joop-Jahr ein Sichelmond. Man könnte auch alles übereinanderstapeln, kleine Rechtecke mit Sätzen und Gedanken zu Häusern verkleben, Wohnungen damit tapezieren, gegenüberliegende Häuserwände damit anstrahlen, aber es sind zwei Momente, die zueinander passen.

Antworten habe ich nicht gesucht, nur ein wenig Nähe und Vertrauen, wo man es niemals erwarten würde.

Pete

Pete war ein Streuner, ein Herumtreiber der funkelsten Sorte. In seinen Hochzeiten saß er mit Freunden am Marktplatz um einen umgekippten Einkaufswagen unter dem ein Feuer loderte und darüber wurden Stadttauben gebraten. Kranke, halbblinde Stadttauben. Pete aß die kleinen Fleischteilchen mit Genuss, wischte sich die Finger an den Hosenbeinen ab, nahm einen Schluck Bier und lachte über einen halb schon verwehten Scherz. Das Echo seines Lachens verhallte am Eingang zu einem Juweliergeschäft. Niemand wurde krank von den Tauben. Am nächsten Morgen sah die Stadt nur einen verkohlten Einkaufswagen und keiner ahnte, was in der Nacht zuvor geschehen war. Pete wusste sich zu verteidigen, kannte die wichtigsten Griffe sämtlicher Kampfsportarten und zwei, drei Möglichkeiten, einen Menschen ohne großen Aufhebens umzubringen. Dazu kam es aber selten, außer im Haus in der Wachower drei gab es mal wieder Streit, wer wem das Geld oder das Pep geklaut hatte.

Pete begann für ein paar Musikmagazine zu schreiben. Es gab lobende Worte aus der Redaktion und von Freunden. Sein Wortschatz war ein Ungetüm aus tausenden von Romanen, die er seit der Kindheit verschlungen hatte. Die Worte entsprachen nicht immer seinen aktuellen Gefühlen, aber sie fügten sich gut zueinander. Wenn er nervös wurde, zählte er seine Finger, die Straßenlaternen oder die vorüberziehenden Autos. Bei acht hörte er immer auf und begann wieder von vorn. Der Tick ließ mit den Jahren nach, aber er ging nie ganz weg.

Marie war seine große Jugendliebe gewesen und dann gab es diesen Punkt, wo sich nichts mehr umkehren ließ, er vor dem Haus ihres Vaters stand und die zwei, drei Möglichkeiten des Tötens noch Fantasie waren, aber der Wille es zu tun beinah unumkehrbar war. Griffe, die man sich in Fernsehkrimis abschaut, da ist noch nichts Reales in der Welt. Wut aus Romanen abgeschaut, da ist noch nichts Reales in der Welt. Es sein lassen war dann die erste Realität. Die Wut ließ niemals nach, die Griffe wurden eingeübt, jederzeit anwendbar, aber die Gelegenheiten, einen Vater aus der Welt zu schaffen wurden selten.

Pete wirst du in jeder größeren Stadt finden. Er studiert noch oder hat inzwischen fertig studiert. Er ist Journalist, Wissenschaftler oder arbeitet in einem Startup. Pete könnte verheiratet sein, aber vermutlich hat er eher eine Lebensgefährtin oder er ist Single, einsamer Wolf oder gut vernetzt, trifft pausenlos Frauen samt ihrer abwesenden Väter, die er niemals wird umbringen können.

Noch nicht ganz

Anscheinend ziehen mich neuerdings die kalten Phasen des Jahres an, ansonsten hätte ich die letzten Tage mit jeder Stunde abgebaut, stattdessen bin ich hochaktiv, aber auch immens verwirrt. Ich habe Zeit meinen Gefühlen nachzugehen, was von außen betrachtet wie ein Luxus scheinen mag, aber in Wahrheit furchtbar nervig ist. Jeder normale Mensch mit einer Aufgabe vergräbt alles tief im Erdreich und hin und wieder sprießen neue Blumen oder ein paar Maulwürfe haben ein kompliziertes Tunnelsystem um einen fast schon toten Baum gegraben. Ich bin lebendig, sagt mir mein rosa Gesicht nach dem Sport, auch wenn ich neulich wie tot an dem Esstisch meiner Eltern saß und kaum ein Wort herausbrachte. Zusammensacken bei den Eltern kenne ich, müde bei den Eltern sein, kenne ich, aber unfähig auch nur zu sprechen, war neu. Beängstigend. Danach war wieder alles gut. Rosa Gesicht, wie mit Anfang 30. Ich werde als Teenager sterben, verheult sind nur die billigen Kontaktlinsen und der Champagner von letzter Nacht.

Blumen

Es ist wieder etwas kühler geworden, dafür scheint die Sonne und die Menschen verlassen ihre Wohnungen etwas schwungvoller als noch vor ein paar Tagen. Während meines Erledigungsrundganges komme ich am Blumenladen vorbei. Es gibt die ersten Osterglocken, als Schnittblumen oder im Topf. Ich überlege, ob der Blumenladen einen Namen hat, so wie ein Frisörladen oder ein Restaurant. Über dem Ladeneingang prangt nur eine Leuchtreklame mit dem eindeutigen Wort „Blumen“ und nachts erhellt sie mit ihrem DDR-Look die Kreuzung, verwandelt bei halb zugekniffenen Augen den Ort in ein Filmset einer Serie, die in den 80er Jahren der DDR spielt. „Blumen“ also. Google verrät, dass der Laden tatsächlich nur „Blumen“ heißt, während andere Floristen ihren Läden durchaus ähnlich charmante Namen geben, wie es zuweilen Frisöre tun. Mein Rundgang führt mich noch zu meinem Lieblingsspätverkauf über dessen Eingang in modernen Lettern „Lebensmittel“ steht. Das ist meine Hood – Blumen, Lebensmittel und Briefmarken (na gut, inzwischen Briefmarkenweine). Als ich vor über zehn Jahren hierher gezogen bin, hatte ich das Gefühl, in einem fremden Kosmos voller glänzender Fassaden angekommen zu sein. Nur flüchtig erinnerte mich einiges davon an „früher“, die Fleischereien zum Beispiel, bei denen wir in den 80ern manchmal halt gemacht haben und die es genauso immer noch gibt. Inzwischen hat sich über das unvertraute Gefühl wieder ein vertrautes Ost-Gefühl gelegt. Die alten Leute in meinen Haus, die Ärzte, die ich aufsuche, die „jungen“ Ost-Berlinerinnen, die ich hier kennengelernt habe, haben diesen Lebensabschnitt mitgeprägt und mir ein neues Heimatgefühl vermittelt, welches mir zum einen vertraut und zum anderen neu ist. Vielleicht bin ich aber auch erst die letzten zehn Jahre richtig Berlinerin geworden.

Der Februar ist immer gut getaktet mit allerlei Familienfeiern und Verabredungen hier und da. Ob ich älter geworden bin? Klar, wer nicht … Ich habe eine eigenartige Phase hinter mir, die nun, wie es mir scheint, ihr Ende genommen hat. Der Satz oder Gedanke bringt mich zum Lachen. Welche Phase in meinem Leben war denn bitte nicht eigenartig? Ich möchte den Phasen lieber Tiernamen geben, vorangestellt eine Farbe. Dann könnte man das Leben in die „blaue Eichhörnchenphase“, die „silberne Mausphase“ oder den „grünen Leoparden“ unterteilen und könnte später mit einer Therapeutin darüber diskutieren, ob es wiederkehrende Muster in der Eichhörnchenphase und in der Mausphase gab.

Ich finde es noch zu früh für Narzissen, aber das war auch schon letztes Jahr so.

Er

Mit Anfang zwanzig, eventuell war es auch früher, fand ich eine Form für meine Kurzgeschichten, die für mich noch jahrelang schlüssig blieb. Ich setzte vor den eigentlichen Beginn der Geschichte ein kurzes Prelude, einen Auftakt, der zumeist eine Hauptfigur oder einen Ort kurz erklärte. Ein TLDR vor dem eigentlichen Text, der zum Lesen einladen sollte. Einen Hinweis, eine Ahnung, eine Fährte, die natürlich unterlaufen werden musste. Folgende Geschichte stammt aus dem Jahr 2017 und ich habe mich wieder an meiner alten Form versucht.

Anna drehte sich nicht um, als er ihren Namen rief. Er hatte ihren Namen schon oft gerufen, wenn sie in seiner Nähe stand. Es drang einfach nicht zu ihr durch. Stunden später erinnerte sie sich daran und dass sie etwas hätte tun müssen. Ihn grüßen oder hochmütig vorbeigehen. Anna schluckte nur den Moment herunter wie eine gläserne Qualle und tat so, als wäre nichts geschehen.

Er

Er begann sich ihr auf umständliche Art und Weise zu nähern, weil ihn die Neugier trieb. Warum war sie so häufig in seiner Nähe und warum konnte er sie nicht erreichen? Anfangs war er ihr nach Hause gefolgt, als sie noch in einem anderen Bezirk gewohnt hatte, was Jahrzehnte her war. Er rief sie an und spielte ihr Symphonien von Mahler vor. Anna wurde schweigsamer, je öfter er sie anrief und er ließ es bleiben. Mit den Jahren wuchs in Anna ein zartes Pflänzchen, welches ihr erlaubte, ihr Spiegelbild auszuhalten und mit anderen Menschen unbefangene Gespräche zu führen. Sie zog mit einem Mitstudenten zusammen und schrieb ihm, dass sie ihn nun treffen wolle. Es war eine Katastrophe. Sie redete ununterbrochen und trank eimerweise Schnaps und Bier. Er ließ sie gehen und war die Wochen darauf manchmal noch nervös, aber im Grunde seines Herzens glaubte er alles zu wissen.

Anna begann sich zu verrennen, zog mit einem Mann zusammen, den sie ihren Freund nannte, der sie später nicht mehr als seine Freundin bezeichnen würde. Während sie noch trauerte, lief an einem frühlingshaften Nachmittag ein Mann, den sie vor zwei Wochen getroffen hatte, an ihrem Haus vorbei und begann sie zum umgarnen. Er sponn das Garn so eng um sie, dass ihr die Luft wegblieb und in einem Moment, wo sie sich unbeobachtet glaubte, zerschnitt sie das Garn und lief davon. Eine Weile ging es ihr nicht gut und sie dachte daran, ihn, den Mahler-Mann, wieder zu treffen. Er war sogar einverstanden, aber Anna hielt etwas nicht aus. Sich selbst? Vermutlich.

Die Jahre zogen ins Land und sie sah ihn manchmal, nackt auf einer Bühne oder in Kneipen und Bars. Einen Sommer lang hatte sie eine merkwürdige Fantasie. Sie würden sich, natürlich auf komplizierte Art und Weise, treffen, anders war es nie möglich gewesen und sie läge später entblößt auf einer tiefroten Samtliege und sähe schweigend seinem täglichen Treiben zu. Es war eine unglaublich alberne Fantasie.

Anna ging es eigentlich ganz gut. Anna sah durchschnittlich aus, kochte hervorragend und besaß keine Spülmaschine. Sie schlich allmählich auf die erwartbare Seite des Lebens, bis sie eines Tages eine Anzeige in einem kaum beachteten Forum schaltete. Sie bekam wenige oder seltsame Antworten darauf, bis auf eine sprudelnde, ihr unglaublich zugetane Mail. Das sich über die Zeit anhäufende Vokabular glich sie mit dem Mahler-Mann ab und sie kam zu dem untrüglichen Schluss, dass er es sein musste. Hatte er etwa auch über die Jahre Fantasien von roten Samtliegen entwickelt? Mit Sicherheit nicht. Anna kam von einer Reise aus Spanien zurück und leerte recht schnell den mitgebrachten Duty Free Gin. Sie knipste sich nackt in allerlei Posen und schickte ihm die Fotos. Den Mahler-Mann freute es.

Anna wusch und wusch, legte Teller um Teller beiseite, stapelte Teller und Tassen übereinander, bis der Porzellanberg drohte zu kippen. Sie sah aus dem Fenster, die Sonne schimmerte sanft durch die Wolken und für ein paar Minuten regnete es mit den letzten Tropfen einer blechernen Gießkanne. Nach vielen Versuchen, ihn oder was sie glaubte, das er wäre, zu treffen, ließ sie es sein. Sie traf im folgenden Sommer eine männliche Punkdiva, einen esoterischen Filmemacher und einen ihr zugewandten Sozialarbeiter. Der Mahler-Mann blieb verschollen, bis sie ihn wieder in einem Theater aufspürte. Er trug ein Batman Kostüm und hielt Zwiegespräche mit seinen Kindern.