Bleib

In zwei Minuten lässt sich so viel denken und Zusammenhänge werden kurz verknüpft, wo sie auf den ersten Blick unmöglich erschienen und die dazugehörigen Gefühle werden abgeglichen und möglicherweise kannst du danach ein wenig aufatmen, hoffen, einen Schritt weiter zu sein. Die Gedanken strömen, ja fallen geradezu wie Tetrissteine in den weißen Raum und harren darauf gestapelt und sortiert zu werden. Wie in einem Bällebad, einem computerisierten Anstaltsraum, in welchem Plastikwörter aus Tetrissteingebilden durch die Insassen gestapelt werden. Unaufhörlich. Eine grobschlächtige, grob gepixelte und legonsteinbunte Welt, in Gleichförmigkeiten gebannt, so als gäbe es keine Wellen, keinen Hauch, keine Verzögerung und kein Formenwirrwarr. Nur gestapelte Tetrisware. Digitales Berlin.

Wie aus einer anderen Welt erscheinen mir da die alten gesammelten Postkarten, die Flyer und Konzerttickets, zahllose Schnipselsammlungen von Telefonnummern und der zarte weiche Staub, welcher über Jahre die Stapel gelenkartig zu einer Ziehharmonika verbunden hat, benennt die zurückgelegte Zeit. Zuweilen ist der Staub von einer klebrigen Schlierenschicht unterlegt, einer festgelegten Vergangenheit. Was sich da alles in den Jahren angesammelt hat. Was werde ich alles hinter mir lassen? Ist das aufzählbar? Die unzähligen Parties und Clubs und all die kostbaren und manchmal auch weniger kostbaren Jahre, gefüllt mit Liebe, Verlogenheit und Trauer. Sich runterschreiben, die Gedanken schweifen lassen und in die Tiefe gehen und Luft holen. Tief Luft holen. Bevor ich mich noch einmal kurz umdrehe, um dann leicht federnden Schrittes die Treppen herunterzusteigen, übergebe ich Betty das geschnürte Bündel mit den alten Geschichten. Ich greife links und rechts nach den Koffern und trete in den Sonnenkegel des Vorhofs.

Ich bin raus. Und Berlin ist vorläufig Geschichte und erzählbar geworden. Während ich hier versuche, die Vergangenheit zusammenzutragen, dreht sich die Stadt weiter und alle Erinnerungen, wo man eng umschlungen, knutschend und keuchend oder drogenbleich in kalten Treppenhäusern saß, um Lichtspiele einzufangen, gehören anderen Zeiten an. Aber nicht dem hier und jetzt. Meine Zeitwahrnehmung schwankt. Ich spinne Netze, betrete Grauzonen, hebe Grabdeckel, um den kühlen Gestank zu riechen und glotzend, offenen Auges in die Grabstelle zu schauen. Verwest. Das alles.

Aber es sind nicht nur die Erinnerungen. Ich suche ein Wesen; ein Wesen zusammengesetzt aus Erinnerungen, Videos, Büchern und Erzählungen, während ich die Straßen auf und ab laufe. Punktuell tauchen Partys aus vergangenen Zeiten auf, zum Beispiel während ich an einer fünfhundert Meter entfernten Straßenampel lehne und in der Wohnung längst andere Mieter eingezogen sind. Aber diese Party von vor zehn Jahren ist mir momentan präsent und gegenwärtig, während ich die geklebten Zettel abtaste, flüchtig um mich schaue und auf grün warte, während die Zeit ununterbrochen und unbarmherzig weiterläuft.

Ich stehe am Fenster und trinke eine Tasse grünen Tee, welcher mich an dich erinnert, obwohl ich dich niemals eine Tasse grünen Tee trinken sah. Diese Erwähnung deinerseits, irgendwann in den Zwischenräumen, überlagert alle alkoholischen Erinnerungen. Taxis rauschen in Kolonnen die Straße rauf und runter und sehnen sich nur nach einem, das Spiel zu gewinnen und zu beenden. Sie wollen rechtzeitig abbiegen und kurz vor rot die Ampel nehmen. Lärm, der mich beflügelt. Ich war immer frei, habe mich aber niemals frei gefühlt. Konnte tun und lassen, was ich wollte und hing doch nur in einem Korsett gefangen, welches täglich nach dem Geld, meinem Erfolg und meinem Aussehen fragte. Immer und immer wieder.

Weißt du, ich glaube, ich bin inzwischen mit anderen Städten kompatibel geworden. Ich bin fähig in anderen Städten zu leben und dort meinen Alltag einzurichten, Clubs und Restaurants nach den gegebenen Maßstäben zu bewerten und mit der neuen Sprache ein Einheimischer zu sein. Ich sprühe nur den Schriftzug in einer anderen Stadt weiter, wo er hier 95 nicht zu Ende gesprüht wurde und teilweise verblasst ist an dem kleinen grauen Elektrokästchen im tiefen Osten Berlins. Formuliere die Worte der Instantkunst erneut: ‚Ich liebe‘ und ‚dich‘; ‚dich‘ dieses Mal ausgeschrieben. Mich hindert niemand daran, alles aufzusprühen, was ich mag. Weder ist es dunkel noch Weglaufen nötig. Keine Euphorie, nur poetischer Sachzwang: Ich liebe dich. Und genauso meine ich es auch.

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