159 (aus „Tausend Tode schreiben“)

Ich habe dem Tod schon oft ins Auge geschaut. Manchmal jedoch war er es, der den Blick zuerst auf mich warf, bevor ich ihn rechtzeitig entdecken konnte.

Es begab sich um die Jahrtausendwende, dass mein Bruder und ich aus Versehen in einem gesperrten Gebiet in Kolumbien Zelten waren. Mit dem Ergebnis, dass wir vor einem Soldaten mit Maschinenpistole im Anschlag versuchten, den Irrtum zu klären. Schwitzend und hektisch. Schnell atmend.
Die Tage zuvor hatte es gestürmt und die Schäden an der Küste waren zu groß, so dass es Urlaubern und Strandbesuchern untersagt war, das Gebiet zu betreten. Ein kurzfristig gesperrtes Gebiet in Kolumbien ist ein Honeypot für diverse bewaffnete Gruppierungen sowie Drogenhändler aller Couleur. Aber wir blieben ahnungslos, bis zu dem Aufeinandertreffen mit dem bewaffneten Soldaten.
Es war eine nicht gesendete Episode von Lost. Die fast menschenleere Strandanlage wirkte wie aufgegeben. Ein wortkarger Strandkioskbesitzer betrieb sein Geschäft zwar unbeirrt weiter, aber die Gäste ließen sich an zwei Händen abzählen. Außer uns waren noch zwei US-Amerikaner und drei Europäer hier gestrandet. An unserem Abreisetag schlug ein in Schale geworfener Familienclan auf, der mein anschwellendes Unbehagen noch verstärkte. Die Sturmschäden und die noch in weiter Ferne liegenden Ferien konnten nicht die alleinige Erklärung für die Verlassenheit dieses Ortes sein. Ich besah mir die Mitgestrandeten mit Argwohn. Eine der Frauen aus dem Team Europa lag bereits bei unserer Ankunft mit einer Nadel im Arm am Strand und blinzelte in die Sonne. Aber wir blieben ahnungslos.

Ahnungslosigkeit entsteht aus vielerlei Gründen. Mein Bruder war zwar des Spanischen mächtig, mit einer Kolumbianerin verheiratet und in Kolumbien verankert, hatte aber während meiner Zeit dort Urlaub genommen. Was bedeutete, er nahm sich von sämtlichen Informationsflüssen eine Auszeit.
Ahnungslosigkeit bedeutet auch, auf dem Karneval in Barranquilla, auf einem Bordstein sitzend, mit Maismehl bestäubt, ein Gespräch mit einem Freund der Familie zu beginnen, an dessen Ende man wissen wird, dass letztes Wochenende ein Großteil seiner Freunde in einem Nachbardorf von Paramilitärs umgebracht wurde, weil das Dorf sich weigerte, Land an diese abzugeben. Es ist eine Information mehr, eine Ahnung.

Der Tod jedoch ist nur spürbar, wenn man selbst jemanden verliert oder Auge in Auge mit einer Maschinenpistole steht.

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