Er

Mit Anfang zwanzig, eventuell war es auch früher, fand ich eine Form für meine Kurzgeschichten, die für mich noch jahrelang schlüssig blieb. Ich setzte vor den eigentlichen Beginn der Geschichte ein kurzes Prelude, einen Auftakt, der zumeist eine Hauptfigur oder einen Ort kurz erklärte. Ein TLDR vor dem eigentlichen Text, der zum Lesen einladen sollte. Einen Hinweis, eine Ahnung, eine Fährte, die natürlich unterlaufen werden musste. Folgende Geschichte stammt aus dem Jahr 2017 und ich habe mich wieder an meiner alten Form versucht.

Anna drehte sich nicht um, als er ihren Namen rief. Er hatte ihren Namen schon oft gerufen, wenn sie in seiner Nähe stand. Es drang einfach nicht zu ihr durch. Stunden später erinnerte sie sich daran und dass sie etwas hätte tun müssen. Ihn grüßen oder hochmütig vorbeigehen. Anna schluckte nur den Moment herunter wie eine gläserne Qualle und tat so, als wäre nichts geschehen.

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Er begann sich ihr auf umständliche Art und Weise zu nähern, weil ihn die Neugier trieb. Warum war sie so häufig in seiner Nähe und warum konnte er sie nicht erreichen? Anfangs war er ihr nach Hause gefolgt, als sie noch in einem anderen Bezirk gewohnt hatte, was Jahrzehnte her war. Er rief sie an und spielte ihr Symphonien von Mahler vor. Anna wurde schweigsamer, je öfter er sie anrief und er ließ es bleiben. Mit den Jahren wuchs in Anna ein zartes Pflänzchen, welches ihr erlaubte, ihr Spiegelbild auszuhalten und mit anderen Menschen unbefangene Gespräche zu führen. Sie zog mit einem Mitstudenten zusammen und schrieb ihm, dass sie ihn nun treffen wolle. Es war eine Katastrophe. Sie redete ununterbrochen und trank eimerweise Schnaps und Bier. Er ließ sie gehen und war die Wochen darauf manchmal noch nervös, aber im Grunde seines Herzens glaubte er alles zu wissen.

Anna begann sich zu verrennen, zog mit einem Mann zusammen, den sie ihren Freund nannte, der sie später nicht mehr als seine Freundin bezeichnen würde. Während sie noch trauerte, lief an einem frühlingshaften Nachmittag ein Mann, den sie vor zwei Wochen getroffen hatte, an ihrem Haus vorbei und begann sie zum umgarnen. Er sponn das Garn so eng um sie, dass ihr die Luft wegblieb und in einem Moment, wo sie sich unbeobachtet glaubte, zerschnitt sie das Garn und lief davon. Eine Weile ging es ihr nicht gut und sie dachte daran, ihn, den Mahler-Mann, wieder zu treffen. Er war sogar einverstanden, aber Anna hielt etwas nicht aus. Sich selbst? Vermutlich.

Die Jahre zogen ins Land und sie sah ihn manchmal, nackt auf einer Bühne oder in Kneipen und Bars. Einen Sommer lang hatte sie eine merkwürdige Fantasie. Sie würden sich, natürlich auf komplizierte Art und Weise, treffen, anders war es nie möglich gewesen und sie läge später entblößt auf einer tiefroten Samtliege und sähe schweigend seinem täglichen Treiben zu. Es war eine unglaublich alberne Fantasie.

Anna ging es eigentlich ganz gut. Anna sah durchschnittlich aus, kochte hervorragend und besaß keine Spülmaschine. Sie schlich allmählich auf die erwartbare Seite des Lebens, bis sie eines Tages eine Anzeige in einem kaum beachteten Forum schaltete. Sie bekam wenige oder seltsame Antworten darauf, bis auf eine sprudelnde, ihr unglaublich zugetane Mail. Das sich über die Zeit anhäufende Vokabular glich sie mit dem Mahler-Mann ab und sie kam zu dem untrüglichen Schluss, dass er es sein musste. Hatte er etwa auch über die Jahre Fantasien von roten Samtliegen entwickelt? Mit Sicherheit nicht. Anna kam von einer Reise aus Spanien zurück und leerte recht schnell den mitgebrachten Duty Free Gin. Sie knipste sich nackt in allerlei Posen und schickte ihm die Fotos. Den Mahler-Mann freute es.

Anna wusch und wusch, legte Teller um Teller beiseite, stapelte Teller und Tassen übereinander, bis der Porzellanberg drohte zu kippen. Sie sah aus dem Fenster, die Sonne schimmerte sanft durch die Wolken und für ein paar Minuten regnete es mit den letzten Tropfen einer blechernen Gießkanne. Nach vielen Versuchen, ihn oder was sie glaubte, das er wäre, zu treffen, ließ sie es sein. Sie traf im folgenden Sommer eine männliche Punkdiva, einen esoterischen Filmemacher und einen ihr zugewandten Sozialarbeiter. Der Mahler-Mann blieb verschollen, bis sie ihn wieder in einem Theater aufspürte. Er trug ein Batman Kostüm und hielt Zwiegespräche mit seinen Kindern.