The Communists are in Town

Kommunistenbetreuung kann ich ganz gut, was auch daran liegt, dass sämtliche Kommunisten, die ich kenne, männlich sind. Ich weiß, dass es auch weibliche Kommunistinnen gibt, aber das allein von Twitter und der Partei, der ich mich zugehörig fühle. Ich bin keine Kommunistin. Im besten Fall bin ich Sozialistin mit modernen Ansichten, im schlechtesten Fall jemand, den Gisela Elsner anspucken würde. Eine Bürgerliche, die zu großen Teilen an sich selbst denkt und dann, wenn noch etwas Spucke übrig bleibt, auch an die anderen. Ich muss hin und wieder Kommunisten betreuen, weil sie häufig nicht mehr weiter wissen mit ihrem Leben. In der Regel sind meine Ratschläge gefragt und erwünscht.

Den Kommunisten geht es zumeist danach besser in ihren persönlichen oder beruflichen Belangen. Was die kommunistische Theorie anbelangt, bin ich keine große Leuchte, was auch daran liegt, dass ich schnell abgelenkt bin. Ich kann sehr langatmigen Texten zur Revolution nicht folgen, weil ich zwischendurch den Haushalt erledigen oder arbeiten gehen muss. Ich wüsste nicht einmal, was es bringen würde, den langatmigen Texten zu folgen, obwohl mir der Haushalt im Grunde genommen egal ist, bzw. was ich dann mit der angehäuften Theorie in der Welt sollte? Bräuchte ich dann wiederum jemanden wie mich, der mir Ratschläge zum alltäglichen Leben gibt, weil ich alleine nicht zurecht käme? Der Haushalt ließe sich ja an Roboter aussondern, das Arbeiten eventuell auch.

Dann hätte ich unermesslich viel Zeit für kommunistische Theorien und die Praxis. Die Praxis fängt ja zuerst mit dem Vernetzen an. Vermutlich würde ich mich gleichgesinnten Gruppen anschließen und wir würden gegen die Roboterindustrie rebellieren, die nur jene begünstigt, die schon „etwas geleistet“ haben. Wir haben ja schließlich immer noch den Kapitalismus. Wir würden lange und hart kämpfen, bis wir die gleichen Rechte wie die Leistungsträger haben. Dann würden wir regelmäßig gemeinsam die Roboter ölen und kommunistische Theorien lesen und uns gegenseitig auf Augenhöhe Ratschläge geben. Ölst du heute den Roboter? Nein du!

Blumen

Es ist wieder etwas kühler geworden, dafür scheint die Sonne und die Menschen verlassen ihre Wohnungen etwas schwungvoller als noch vor ein paar Tagen. Während meines Erledigungsrundganges komme ich am Blumenladen vorbei. Es gibt die ersten Osterglocken, als Schnittblumen oder im Topf. Ich überlege, ob der Blumenladen einen Namen hat, so wie ein Frisörladen oder ein Restaurant. Über dem Ladeneingang prangt nur eine Leuchtreklame mit dem eindeutigen Wort „Blumen“ und nachts erhellt sie mit ihrem DDR-Look die Kreuzung, verwandelt bei halb zugekniffenen Augen den Ort in ein Filmset einer Serie, die in den 80er Jahren der DDR spielt. „Blumen“ also. Google verrät, dass der Laden tatsächlich nur „Blumen“ heißt, während andere Floristen ihren Läden durchaus ähnlich charmante Namen geben, wie es zuweilen Frisöre tun. Mein Rundgang führt mich noch zu meinem Lieblingsspätverkauf über dessen Eingang in modernen Lettern „Lebensmittel“ steht. Das ist meine Hood – Blumen, Lebensmittel und Briefmarken (na gut, inzwischen Briefmarkenweine). Als ich vor über zehn Jahren hierher gezogen bin, hatte ich das Gefühl, in einem fremden Kosmos voller glänzender Fassaden angekommen zu sein. Nur flüchtig erinnerte mich einiges davon an „früher“, die Fleischereien zum Beispiel, bei denen wir in den 80ern manchmal halt gemacht haben und die es genauso immer noch gibt. Inzwischen hat sich über das unvertraute Gefühl wieder ein vertrautes Ost-Gefühl gelegt. Die alten Leute in meinen Haus, die Ärzte, die ich aufsuche, die „jungen“ Ost-Berlinerinnen, die ich hier kennengelernt habe, haben diesen Lebensabschnitt mitgeprägt und mir ein neues Heimatgefühl vermittelt, welches mir zum einen vertraut und zum anderen neu ist. Vielleicht bin ich aber auch erst die letzten zehn Jahre richtig Berlinerin geworden.

Der Februar ist immer gut getaktet mit allerlei Familienfeiern und Verabredungen hier und da. Ob ich älter geworden bin? Klar, wer nicht … Ich habe eine eigenartige Phase hinter mir, die nun, wie es mir scheint, ihr Ende genommen hat. Der Satz oder Gedanke bringt mich zum Lachen. Welche Phase in meinem Leben war denn bitte nicht eigenartig? Ich möchte den Phasen lieber Tiernamen geben, vorangestellt eine Farbe. Dann könnte man das Leben in die „blaue Eichhörnchenphase“, die „silberne Mausphase“ oder den „grünen Leoparden“ unterteilen und könnte später mit einer Therapeutin darüber diskutieren, ob es wiederkehrende Muster in der Eichhörnchenphase und in der Mausphase gab.

Ich finde es noch zu früh für Narzissen, aber das war auch schon letztes Jahr so.

Die Wilde 13

Bevor ich eingeschult wurde, zogen wir innerhalb von Marzahn noch einmal um. Wir tauschten den alles überschauenden Blick aus der vierzehnten Etage eines Punkthauses gegen einen sogenannten Elfgeschosser und wohnten von nun ab in der siebten Etage. Um uns herum wurde immer noch viel gebaut, unfertige Häuser stießen auf Kräne, die den Blick himmelwärts zogen. Wir Kinder im Vorschulalter und in den Sommerferien fanden uns ohne große Worte zusammen. Unsere Spiele waren, wer als erstes die Mitte der Pfütze erreichte oder auf den Baum an einem nahe gelegenen Tümpel klettern konnte. Mein Ehrgeiz war unermesslich und deswegen waren die obligatorischen Gummistiefel ständig voller Wasser, die Ellenbogen zerschürft. Wir rannten umher und vor Bauarbeitern davon. Ich merkte mir die Namen der Kinder, auch wenn ich sie nach dem Sommer wieder vergessen haben würde und in der Nummer dreizehn einer Seitenstraße gab es unter dem Treppenzugang ein Geheimversteck, das wir „Wilde 13“ nannten. Der Hohlraum war noch nicht fertig zugemauert und hier ersannen wir die nächsten Pläne, unsere nächsten Spiele.

Meine Eltern waren schon oft umgezogen, aber jeder Umzug bedeutete für sie immer noch Höllenqualen und immensen Stress. Was musste man nicht alles beachten und was konnte nicht alles schief gehen. Pflichtbewusst, wie ich damals schon war, wollte ich helfen und trug einen Meißner Porzellanteller in die Wohnung. Den konnte ich immerhin gut greifen. Mein Vater war entsetzt und nahm mir den Teller aus der Hand und schalt mich, setzte mich etwas unsanft auf den Boden und meinte, das solle ich nie wieder tun. Ich merkte mir diesen Moment, weil ich instinktiv wusste, dass die Reaktion meines Vaters überzogen war. Der arme Porzellanteller, wäre er mir doch wenigstens aus der Hand gefallen. So hing er nur die nächsten Jahre an einer Wand und jedes Mal, wenn ich ihn betrachtete, dachte ich an diesen Moment. In meiner Pubertät hing er immer noch da und überlebte wildeste Partys. Die Reaktionen meines Vaters waren inzwischen milder geworden, aber das hatte alles nichts mit mir zu tun.

Es dauerte einige Zeit, bis ich mich zwischen all dem Beton auskannte. Später malte man Blumen auf die Hauseingänge, damit die nachwachsenden Kinder sich in dieser seriellen Bauweise zurecht fanden. Vor den Häusern standen winzige Setzlinge, die einmal Bäume werden würden. Der Baum am Tümpel wurde zu einem Naturschutzgebiet erklärt. Wir Kinder waren uns einig, dass sie das nur getan hatten, damit wir da nicht mehr herauf kletterten. Der schönste Sommer aller Zeiten zog sich in die Länge und die Wohnung nahm allmählich Gestalt an. Es kamen neue Möbel dazu und der Stress wich einem Angekommensein, einer Gelassenheit. Wir fingen wieder an zu wohnen, die neue Wohnung als natürlichen Lebensraum zu betrachten und mein Bruder würde bald wieder ausziehen und auf ein Internat gehen.

Swimmingpool

Es gibt wenige Sehnsuchtsorte, die weltweit im kollektiven Gedächtnis verankert sind und sich vor allem aus Erinnerungen an die eigene Jugend zusammensetzen. Die erste Liebe, der erste Kuss, Schwimmbadpommes und viel nackte Haut. Bei Swimmingpool denke ich eher an Charlotte Rampling, als an Romy Schneider. Ich sehe Bilder von Stephen Shore vor mir und mir kommt „Little Children“ in den Sinn. Die letzten Tage im Juni 1990 in Addis Abeba haben wir in einem Schwimmbad verbracht, bevor wir in das leere Ost-Berlin zurückkehrten und uns an die neue Zeit gewöhnten.

Das Schauspiel Leipzig nahm am diesjährigen Theatertreffen mit 89/90 teil, einer Bühnenfassung von Peter Richters gleichnamigen Roman. Die Jugendlichen sind zur Wendezeit etwas älter, als ich es war, aber ihre Geschichten sind mir durchaus vertraut. Im Sommer 1989 treffen sie sich häufig nachts in einem Schwimmbad und ziehen ihre Bahnen, rauchen und reden. Diese unwirkliche Atmosphäre des nächtlichen Schwimmens wird tagsüber unterbrochen vom sich auflösenden DDR-Alltag, großartig mit einem Chor umgesetzt, der die Schauspieler durch ihre nervenzerfetzenden Dialoge und Monologe begleitet. Was hat jetzt noch Bestand, wohin geht die Reise und wer sind jetzt die Feinde? In diesem Durcheinander war Helmut Kohl tatsächlich nicht mehr als eine flüchtige Figur, die kurz über den Massen schwebte und dann verschwand. Geblieben waren der Konsum und eine unaufgearbeitete Jugend mit militärischem Drill.

Meine dritte und damit letzte Inszenierung des Theatertreffens, welche ich besucht habe, war „Pfusch“ von Herbert Fritsch. Hier öffnet sich nach dem Baden im Schwimmbad nicht der eiserne Vorhang, sondern er schließt sich. Der Sehnsuchtsort, die große Spielwiese, der Sommer – sie alle sind vorbei und das anfänglich rastlose Hämmern auf alten Klavieren verklingt. „Schön“ war es gewesen, beteuern die Schauspieler und ich verbleibe etwas ratlos zurück. Die Volksbühne ist durchgespielt und für manchen mag es ein endloser Sommer gewesen sein. Aber auch der geht vorbei.

Everyone’s gonna get high

Den Mai habe ich mir auserkoren für Theaterbesuche und solcher gleichen. Gemeinhin bringt er ja neues, der Mai. Er begann mit der letzten Aufführung von „Kill you darlings“ von René Pollesch, der Absage an lose Netzwerke und Scheinhuberei. Melancholisch stimmte mich vor allem die Tatsache, mit was für einem Optimismus das fünf Jahre alte Stück angetreten war und wo sich die Welt inzwischen befindet. Fern von großen linken Ideen und man hofft wieder nur, nicht die ganz große Scheiße am Hacken zu haben.

Das Schauspiel Dortmund ging mit dem gleichen Anspruch an die großen Fragen der Zeit mit der „Borderline Prozession“ und scheiterte. Nicht unbedingt an der Aufmachung, die war sicherlich grandios. Aber es gab außer diffuser Gefühligkeit und allzu bekannten Zitaten keine Neuigkeiten. Schauspieler sollten nicht nur Staffage sein und mit dem Publikum interagieren. Das habe ich ein wenig vermisst an diesem Abend, der mit einem grandiosen Vollmond über der Spree in Schöneweide aufwartete.