Die Wilde 13

Bevor ich eingeschult wurde, zogen wir innerhalb von Marzahn noch einmal um. Wir tauschten den alles überschauenden Blick aus der vierzehnten Etage eines Punkthauses gegen einen sogenannten Elfgeschosser und wohnten von nun ab in der siebten Etage. Um uns herum wurde immer noch viel gebaut, unfertige Häuser stießen auf Kräne, die den Blick himmelwärts zogen. Wir Kinder im Vorschulalter und in den Sommerferien fanden uns ohne große Worte zusammen. Unsere Spiele waren, wer als erstes die Mitte der Pfütze erreichte oder auf den Baum an einem nahe gelegenen Tümpel klettern konnte. Mein Ehrgeiz war unermesslich und deswegen waren die obligatorischen Gummistiefel ständig voller Wasser, die Ellenbogen zerschürft. Wir rannten umher und vor Bauarbeitern davon. Ich merkte mir die Namen der Kinder, auch wenn ich sie nach dem Sommer wieder vergessen haben würde und in der Nummer dreizehn einer Seitenstraße gab es unter dem Treppenzugang ein Geheimversteck, das wir „Wilde 13“ nannten. Der Hohlraum war noch nicht fertig zugemauert und hier ersannen wir die nächsten Pläne, unsere nächsten Spiele.

Meine Eltern waren schon oft umgezogen, aber jeder Umzug bedeutete für sie immer noch Höllenqualen und immensen Stress. Was musste man nicht alles beachten und was konnte nicht alles schief gehen. Pflichtbewusst, wie ich damals schon war, wollte ich helfen und trug einen Meißner Porzellanteller in die Wohnung. Den konnte ich immerhin gut greifen. Mein Vater war entsetzt und nahm mir den Teller aus der Hand und schalt mich, setzte mich etwas unsanft auf den Boden und meinte, das solle ich nie wieder tun. Ich merkte mir diesen Moment, weil ich instinktiv wusste, dass die Reaktion meines Vaters überzogen war. Der arme Porzellanteller, wäre er mir doch wenigstens aus der Hand gefallen. So hing er nur die nächsten Jahre an einer Wand und jedes Mal, wenn ich ihn betrachtete, dachte ich an diesen Moment. In meiner Pubertät hing er immer noch da und überlebte wildeste Partys. Die Reaktionen meines Vaters waren inzwischen milder geworden, aber das hatte alles nichts mit mir zu tun.

Es dauerte einige Zeit, bis ich mich zwischen all dem Beton auskannte. Später malte man Blumen auf die Hauseingänge, damit die nachwachsenden Kinder sich in dieser seriellen Bauweise zurecht fanden. Vor den Häusern standen winzige Setzlinge, die einmal Bäume werden würden. Der Baum am Tümpel wurde zu einem Naturschutzgebiet erklärt. Wir Kinder waren uns einig, dass sie das nur getan hatten, damit wir da nicht mehr herauf kletterten. Der schönste Sommer aller Zeiten zog sich in die Länge und die Wohnung nahm allmählich Gestalt an. Es kamen neue Möbel dazu und der Stress wich einem Angekommensein, einer Gelassenheit. Wir fingen wieder an zu wohnen, die neue Wohnung als natürlichen Lebensraum zu betrachten und mein Bruder würde bald wieder ausziehen und auf ein Internat gehen.

Die Unruhe und das Schreiben

Vom Bett aus sehe ich die Baumwipfel des Friedhofs und die zeigen die Jahreszeiten an. Ohne Unterlass. Im April fing es an mit der Unruhe, da waren die Wipfel noch kahl und ich wusste noch nicht, wohin mich diese Unruhe führen wird. An sich ist die Idee für den Roman sehr alt und es gibt eine Vorläuferversion, in der sich die Geschichte aber dermaßen verästelte, sodass es entweder eine Machete gebraucht hätte, um weiter zu kommen oder eine Brandrodung. Ich beließ es bei dem entstandenem Dickicht. Dem Abbruch im Nirgendwo. Dass es abermals dieses Thema sein würde, war keine klare Entscheidung, sondern eine logische Konsequenz.

Was ich brauchte, war diese Unruhe. Es ist eine gefährliche Unruhe, die Abschweifungen wie Liebesaffären umgarnt. In Tamariu, Anfang Juni, ging ich auf die Suche. Irgendetwas musste hinter dem Dickicht sein und ich brauchte keine Machete, nur meine Beine. Sie trugen mich die Haarnadelkurven auf und ab, bis ich die passende Stelle gefunden hatte. Einen Ausblick auf das Meer, wo mir nichts die Sicht verstellte. Meine Eingebung kam mir noch merkwürdig vor. Es war eine Bemerkung von Olivia Laing in „The Lonlely City“ über Andy Warhol, über Telefone, Kommunikation, Distanz und die 60er. Die zeitliche Distanz zu sich selbst. Gespräche aus der Vergangenheit, die einen ereilen. Ich lief zurück nach Tamariu und fand unterwegs ein leeres Blatt Papier. So als wäre es über eine Mauer mir direkt vor die Füße geflattert. Ich hatte den Plot und schrieb ihn, im Hotel angekommen, auf das leere Blatt Papier. Einen Plot, den ich kontrollieren konnte, den ich mochte und wunderbar fand. Von dem ich wusste, wie er beginnt und wie er vermutlich enden wird.

Wir haben jetzt Ende August und die Farben einzelner Baumwipfel künden vom Herbst. Ich kenne nun das Ende des Romans und was es noch bedarf sind vermutlich nur ein paar Wochen oder Monate Fleißarbeit.

Belinda und Kurt

Belinda ging in den Garten, den schmalen Weg entlang der weiß gekalkten Hauswand und sie beugte sich über das Kräuterbeet und zupfte ein paar Melissenblätter in die hohle Hand. Der zitronige Duft stieg ihr in die Nase, die Sonne stand hoch oben am Mittagshimmel und sie lief wieder barfuß ins Haus. Sie wollte Kurt bei seiner Ankunft einen frischen Melissentee brühen. Später würden sie vermutlich Bier trinken und übereinander herfallen. Übereinander herfallen, das war der Kern ihrer Geschichte und sie hatte sich damit arrangiert. Es ist ein Arrangement, eine Vereinbarung, eine Liason von womöglich begrenzter Dauer. Belinda ließ die Blätter in eine Schüssel fallen, deckte sie mit Plastikfolie ab und schlüpfte in ihre Sandalen. Die Holzdielen aus den 50er Jahren gaben keinen Laut von sich, als sie bis zur Vordertür lief. Genauso wie das Haus seit Tagen in einen sommerlichen Mittagsschlaf versunken war, umgeben von Stille, sirrenden Insekten und hin und wieder hörte man Pferde und Kühe in der Ferne. Ein Refugium der Sonderklasse, entstanden aus Albernheiten, gebaut von sonderlichen Menschen. Auf einem Berg sollte es stehen, fern ab der Menschen. Sonderlich und schön.

Als sie den Zündschlüssel umdrehte, nahm Belinda einen sich bewegenden Schatten im Rückspiegel wahr. Es war der Meier, der ein paar Ziegen am unteren Hang weiden ließ. Auch ein Arrangement der ungesetzlichen Art. Sie kurbelte das Fenster des alten Autos herunter und grüßte freundlich. Er sei nur kurz bei den Ziegen gewesen, gestern hätten sie viel Schlamm um die Beine gehabt. Er wollte nur schauen, ob mit dem Hang alles in Ordnung sei. Der Hang rutschte seit Jahren, Millimeter um Millimeter. In einer sternklaren Nacht wie der vorgestrigen und ohne jeglichen Regen, war kaum davon auszugehen, dass der Hang ungewöhnlich gerutscht wäre. Belinda lächelte weiterhin freundlich und besänftigte Meier, der winkend davonstob und von Belindas Besänftigung vermutlich wenig überzeugt war. Sie drehte den Zündschlüssel erneut um und fuhr die Dörfer auf und ab Richtung Kurt, der an einem beinah verlassenen Bahnsteig in einer größeren Ortschaft auf sie warten würde.

Abgesehen von Kurt waren noch eine junge Familie und zwei ältere Frauen aus dem Zug gestiegen, der in dieser kleinen, größeren Ortschaft zwei Mal täglich hielt. Er trug eine Sonnenbrille, hatte seinen Projektmanagerrollkoffer dabei und schien bester Laune zu sein. Belinda war kurz davor, ihm den Staub von der Schulter zu pusten, als er sie unvermittelt innig und lang küsste. Sie kurbelten zunächst die Fenster herunter, bevor sie losfuhren, stellten das Radio an und Belinda wirbelte das Lenkrad so lange herum, bis es wieder die Dörfer auf und ab ging bis zu dem Haus auf dem Berg, abseits von Mensch und Lärm. Belinda fuhr rückwärts den Weg hoch, ihren Kopf nach hinten gedreht und ihr Sommerkleid verschob sich leicht, sodass ihre rechte Achselhöhle entblößt vor Kurt lag. Oben angekommen küsste sie Kurt, ließ ihn auf ihrer Seite aussteigen und er hievte seinen Rollkoffer den Berg ein letztes Stück hinauf.

Der Melissentee dampfte vor sich hin und Belinda stellte eine Zuckerdose auf den Tisch, sie grinste breit: „Kein Telefon, kein WLAN.“ Kurt murmelte etwas von seinem iPad. „Klar, versuch es!“ sagte Belinda noch angriffslustiger. Als sie vor Kurts Abreise mit ihm telefoniert hatte, war sie ins Dorf hinaufgelaufen, um Empfang zu haben. „Ach, zwei Tage“, Kurt schaute sie aufrichtig an und Belinda gab sich geschlagen. „Wie hast du das eigentlich erklärt, also diese zwei Tage?“ „Nichts weiter, ich habe gesagt, ich fahre zu dir und Sylvia hat genickt. Mehr nicht.“ Belinda wusste darauf nichts zu erwidern und begann von Meier und dem rutschendem Hang zu erzählen. Sie öffneten sich jeder ein Bier und liefen den Hang hinunter zu den Ziegen. Es sah von weitem alles normal aus, aber bei näherer Betrachtung, sie liefen am Waldrand entlang, konnte man ein Rinnsal, wenn auch ein recht schwaches sehen, wie es sich seinen Weg bahnte, mitten aus dem Hang. „Wo kommt das her?“ Belinda sah zum ersten Mal seit Kurts Ankunft ratlos aus.

„Vermutlich Grundwasser?“ Kurt kratzte sich am Kopf und schien nicht sonderlich besorgt. Er schob seine halblangen, blonden Haare zurück und zwinkerte Belinda zu. Sie gingen wieder hinauf zum Haus und aßen eine Kleinigkeit, um dann übereinander herzufallen. Belinda wachte mit einem fahlen Geschmack im Mund auf und putzte sich die Zähne. Im Vorraum hatte sie ihr Büro eingerichtet, ihren Laptop mittig auf dem Tisch platziert, ein paar Stapel Bücher daneben. Sie ließ sich in einen der Stühle mit den großen Lehnen fallen und ging die letzten Zeilen durch, die sie gestern Abend verfasst hatte. Kurt schlief. Der Mann schläft, dachte sich Belinda und zündete sich eine Zigarette an. Sie rauchte nur noch selten und wenn dann meist in den Abendstunden. Es fing an leicht zu regnen. Wenn man es nicht gewohnt war, erschreckten einen die Geräusche mitten im Nichts zutiefst und so dauerte es nicht allzu lange, bis Kurt die Treppen herunter kam und von seltsamen Geräuschen berichtete, die ihn geweckt hätten. Belinda lächelte und sie gingen ins Wohnzimmer und setzten sich an den Tisch, welcher zum Essen, zum Sitzen und zum einander Ansehen gedacht war. „Ich verlasse sie nicht.“ „Ich weiß.“, sagte Belinda. Kurt schob ein paar entschuldigende Worte nach, aber Belinda hörte nicht mehr zu, denn draußen krachte etwas sehr laut. Aus dem leichten Regen war inzwischen ein heftiger Schauer geworden. „Der Hang rutscht.“, sagte Belinda eher leise zu sich selbst und lief ruhig aber zügig zur Tür hinaus, warf sich noch schnell ein Regencape über und Kurt folgte ihr. Aus dem mittigen Hangrinnsal war ein reißender Bach geworden und er schwemmte alles fort. Sie schauten beide ungläubig in die Schneise, die der neue Bach in den Hang gerissen hatte und Kurt trat einen Schritt nach vorn und rutschte den Hang hinunter bis zur Straße, wo er von einem tschechischem LKW erfasst wurde. Belinda ging zurück ins Haus und zündete sich eine Zigarette an und schrieb das Kapitel zu Ende.

I saw the best minds of my generation destroyed by austerity

Wie wir wisperten, schufteten, drängten und glühten, rein in die Welt, umgeben von Optionen, aus der Kälte kommend, den Wind abstreifend und doch zerbrechend an uns selbst. Die Nächte schlurften durch unsere Teenagertage und verwandelten uns zu Libellen, federleicht, der Aufprall hart. Die Leben aufgeteilt und strukturiert zu Häusern und Geliebten, Arbeit und Brot und Lohn, ohne Blick auf das Glas und den schneidenden Rand. Wie wir vergaßen zu leben, zu leiden, zu lieben. Der Kleinbürger liebte uns, der Großbürger hasste uns. Konkrete Welt, umweltfreundlich verpackt, zerhackt, verkackt. Menschen in Würde, was für ne Bürde. Eingepfercht, eingezäunt und manchmal hübsch gebräunt. Ideenlos, seelenlos und ausgebrannt. Das Lied dazu schon fast gekannt. Mal einen Braten, mal die Piraten. Ausgebrannt, abgeranzt und verwanzt. Flucht nach vorne, sagst du ohne Umschweife, den Vertrag des Megakonzerns in die Tasche schiebend. Komm, der kalte Krieg ist vorbei! Aber ach, dann doch entzwei. Ganz naked, ganz nackt auf die Plattform gerauscht, entblößt und ohne Schoß. Ausradierte farblose Gänse im Rücklichtspiegel. Sagst, du würdest in Honig tauchen. Verschwinden, was? Altes Geleier, altes Geseier von Brandenburger Spargelurin. Schön, so die Stadt in Straßen gebannt, New York Label eingebrannt, Wilhem-Pieck-Straße in Avenue umbenannt. Komm feiere dich selbst und verschwinde im Licht, die angezapften Kabel stehen für die Ausstellung bereit.

Vergiss nicht, du hast geliebt, gelebt und gelitten. Partys im Ballkleid, am Fenster gedöst, Sparkassentechno hinterher eingelöst. Zugepappt, blendend in Therapie. Euphorisch, forsch und so gut gings dir nie. Das Wilde, das Freie, das Schöne aber hast du verlernt. In Gruppendiskursen bist du politisch aufgezäunt. Die Austerität hat ihren Zweck erfüllt und dich ausgeräumt.

Schreiborte

Jahrelang zierten blaue Flecken meine Ober-und Unterschenkel; da der an mich übertragene Schreibtisch meines Vaters, welcher wiederum vom Vater meiner Mutter stammte, zwar hübsch anzusehen war, aber überall Kanten und Ecken besaß, welche man just in jenen Momenten vergaß, in denen man einer normalen Sitzhaltung überdrüssig wurde. Ich sah jenes Modell noch häufig in anderen Wohnungen. Besonders exquisit war das braune Möbelstück nicht, aber es verlieh Studentenbuden einen Hauch von altehrwürdigem Büro. Und so lief ich sommers schon mal gesprenkelt und gefleckt durch die Dörfer von Berlin ohne Erklärungsnöte.

Jenseits des Handschriftlichen, was man prinzipiell gut in allen Lebenslagen erledigen kann, also im Sitzen, Stehen oder Liegen, begann meine Tippkarriere mit einer Schreibmaschine. Hierauf verfasst die erste Lyrik. Das geschah alles noch in einem kleinen Zimmer mit Seerosentapeten und wurde akribisch verrichtet. Nach drei, vier Gedichten begann ich Songtexte von Plattencovern abzutippen um alsbald festzustellen, dass das auch alles Lyrik ist. Das Maschinchen verschwand bald wieder und ich kehrte zum Handschriftlichen zurück bis mein erster Computer mein Zimmer des abends und des nachts zu erleuchten begann.

Dieses mysteriöse Leuchten ersetzte schon bald den Fernseher, auch wenn das Geschriebene natürlich nur Selbsbespiegelung war. Aber im Rausch von Pubertät und Postpubertät war mein Fenster zur Welt mein Ich. Hinzu kamen schon bald die schönen, wie auch simplen Feststellungen: Je mehr ich schrieb, desto besser wurde ich und je mehr ich las, desto besser wurde ich. Man konnte der Eitelkeit beim Wachsen zusehen.

Die blauen Flecken nahm ich in zwei Wohnungen mit und hernach verschwanden sie, so wie auch die Postpubertät verschwand und das Schreiben sich wandelte. Was anfangs noch sehr aufregend und bestimmt war von Rausch, Selbstübersteigerung, Naivität und Sehnsucht, ließ allmählich nach. Mir wurde klar, dass ich Themen brauchte, Stoff sozusagen, Erzählstoff. Damit begann das Schreiben ein anderes zu werden, an anderen Orten und Schreibtischen. Zu anderen Zeiten. Mit einem anderen Wesen auf der anderen Seite des Bildschirms als früher.

Jeder Schreibort hat seine eigene Geschichte, seine eigene Aura und womöglich auch seine eigene Bestimmung. Ich kann inzwischen in öffentlichen Räumen schreiben ohne nervös zu werden. Wobei ich nicht weiß, ob ich dies als Fortschritt oder Rückschritt betrachten soll. Mich beglückt das Schreiben in jeglicher Form sowie Art und Weise nach wie vor. Mal ist es eine geritzte Zeile in eine S-Bahn -Scheibe, mal ein Fluch, an eine Klowand gepinselt, ein Witz, auf Twitter erzählt, eine Replik zu einem Zeitungsinterview mit einem Philosophen oder es sind siebenhundertfünfzig heruntergeratterte Wörter, ausgefeilte Texte im offline oder einfach eine Notiz auf einem Zettel.